Studia Historiae Oeconomicae (Jun 2009)

Eine Musteruniversität im Mustergau Wartheland: Die Reichsuniversität Posen

  • Bożena Górczyńska-Przybyłowicz

DOI
https://doi.org/10.14746/sho.2009.27.1.011
Journal volume & issue
Vol. 27, no. 1

Abstract

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Bevor ich diesen Vortrag niederschrieb, hatte ich nicht nochmals Archive oder Bibliotheken aufgesucht, sondern war ins Posener Schloss gegangen, um mich vom genius loci leiten zu lassen. Ich habe einmal mehr die Räume besucht, die zu Hitlers Residenz in den Jahren 1940 bis 1944 umgebaut worden waren, aus den Fenstern wie vom „Führerbalkon aus auf das Gebäude der heutigen Adam-Mickiewicz-Uni- versität gesehen: das Bauwerk, das zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Königliche Akademie errichtet worden war, in der Zwischenkriegszeit die polnische Universität beherbergte und während der deutschen Okkupationszeit schließlich nach Hitlers Willen als Hauptgebäude der neu gegründeten Reichsuniversität fungierte. War diese Universität nicht nur die wichtigste Nazihochschule des Warthelandes, sondern auch die am weitesten östlich gelegene Reichsuniversität, die hier und von hier aus eine besondere Rolle als „kämpfende Universität" spielen sollte? Hatte diese Reichsuniversität im Zusammenspiel mit Hitlers Posener Residenz nicht eine ganz besondere Bedeutung gewonnen? Das sind nicht nur Gedankenspiele einer Lokalchronistin, sondern durchaus Fragestellungen historischer Forschung - unter besonderer Berücksichtigung der von dem Freiburger Historiker Heinrich Schwen- demann am Beispiel des Posener Schlosses variierten hermeneutischen Methode: man sieht nur, was man weiß.